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"Unnatürlich und Fehlgeprägt"Dies hier ist eigentlich eine Fortführung der Diskussion "Sollte ich die Kaninchen, die zurzeit bei mir leben, behalten oder an das Kaninchendorf von "Die Seelentröster" abgeben?", welche ziemlich unpassend zum eigentlichen Betreff hier: https://www.kaninchenforum.de/kaninchen-ern%E4hrung-futter/48041-gro%DFe-diskrepanz-nahrungsaufnahme.html geführt wurde. Wie ich in meinem letzten Post in diesem Thread erwähnte, war ich am Sonntag selbst vor Ort, um mir das Kaninchendorf anzuschauen und mit den Betreibern zu reden. Erstmal zu dem Gelände selbst: Es ist nicht so groß wie ich es mir vorgestellt hätte. Es sieht aber dennoch nicht "überfüllt" aus. An Grün gab's da nur Brennesseln, der Rest war kahl. Die Brenesseln sind jetzt auch weg, da es Teil unseres Einsatzes dort war, diese zu Jäten. Unter den Häuschen gibt es sehr viele Kuhlen, Löcher und auch Gänge, die von den Bewohnern dort angelegt wurden. Viele der Kaninchen waren während wir dort waren, in diesen Kuhlen oder den Häuschen. Neben den Kaninchen leben dort auch Meerschweinchen und Ratten, letztere allerdings nicht absichtlich und von beidem auch nicht in großer Zahl. Auch gab' es dort, vor allem in den Häusern, diverse Wespennester und andere Ansammlungen von Insekten wie Asseln und Spinnen. Das Gelände ist sehr gut abgesichert gegen Eindringen von Raubtieren, da dort ein 2 Meter Zaun und unterirdisch Betonplatten drumherum sind. Muss es auch zwingend sein, denn: Das Kaninchendorf ist nicht der primäre Zweck der Seelentröster sondern eher eine Art "Nebenprojekt". Hauptsächlich geht es um die Beherbergung von Hunden. Dabei waren da mehrere Kategorien: Urlaubsbetreuung, Gnadenhof für alte und behinderte Hunde und auch Vermittlung dieser. Es gibt eine Art "Schleuse", die Verhindert, dass die Hunde einem Menschen direkt in das Kaninchengehege folgen. Es ist allerdings permanentes Gebelle zu hören. Von den Kaninchen, die ich gesehen habe, hatte eines eine große kahle Stelle auf der Seite und eines war halbseitig Blind. Diese Umstände waren den Betreibern bekannt und das mit der Kahlen Stelle stünde wohl unter Beobachtung, wie es sich entwickelt. Wir wurden auch darum gebeten Auffälligkeiten zu melden. Ansonsten wirkten alle anderen Kaninchen optisch in einem guten Zustand. Vom Verhalten her, schien es mir als hätten die Kaninchen eine Art Untergruppenstruktur organisiert, die sich auf verschiedene Areale des Gesamtbereichs aufgeteilt haben. Sprich: Ich habe bestimmte Kaninchen nur an bestimmten Orten des Dorfs gesehen und vermute, dass sie quasie "Clans" gebildet haben, die bestimmte Reviere kontrollieren. Handzahm schien keines der Kaninchen zu sein. Es gab aber Unterschiede in der Scheuigkeit. Sprich es variierte stark wie nah konnte man an sie ran konnte, ohne dass sie reagierten. Die Kaninchen hatten, anders als die Hunde, keine Namen. Nun zu dem Gespräch mit dem Betreiber: Ich habe ihm die Situation geschildert, die ich auch hier in dem anderen Thread geschildert habe, sprich, dass ich weiß, dass der Retter der Kaninchen sie eigentlich hierher bringen wollte, und davon ausging, dass ich sie nur in Pflege nehme und ich sie eigentlich ganz gern behalten würde und nun um seine Meinung bitte. Nun, seine Meinung war, dass er ganz klar gegen Wohnungshaltung ist und dass er sie durchaus gern aufnehmen würde, unter der Bedingung, dass wir ihm helfen eine Quarantänestation (ein weiteres Gehege, welches vom Dorf getrennt ist, in das Neuzugänge eine Weile zur Beobachtung kommen, bevor sie eingegliedert werden) zu bauen. Weiterhin meinte er, dass Kaninchen, die sich streicheln lassen oder gar Menschen hinterherlaufen eine unnatürliche Fehlprägung hätten und dass er da dagegen ist. Deshalb gibt's hier außer füttern und ausmisten keine Interaktion und die Kaninchen können machen was sie wollen. Vor allem, wie schön sie hier ihren Buddeltrieb ausleben können, war erwähnenswert. Ich kann seine Argumente durchaus nachvollziehen, sehe allerdings auch Widersprüche, Doppelstandards und habe auch generell noch eine andere Perspektive, nicht zuletzt aus diesem Forum. Wenn es darum geht, den Kaninchen ein Leben zu ermöglichen, was so nah wie Möglich an der Erfahrung "in freier Natur" ist, dann müsste man sie ja konsequenterweise auswildern. In der Freien natur würden die Kaninchen vermutlich weiterziehen, wenn alles so kahl gefressen ist wie dort. Der Unterschied zwischen einem kahlgegessenem Außenbereich und einer Wohnung ist meiner Meinung nach nicht mehr so groß. Auch der Umstand, dass so viele Kaninchen sich in freier Wildbahn eher aus dem Weg gehen würden und sich nicht an permanentes Hundegebell gewöhnen müssen, wurde bei der Natürlichkeit nicht berücksichtigt. Den Doppelstandard sehe ich beim Umgang mit Menschen und vor Allem Hunden. Menschen und Hunde dürfen in's Haus, haben alle Namen, und spezienübergreifende Interaktionen sind nicht nur zulässig sondern erwünscht. Meine Perspektive ist, dass in dieser "so natürlich wie Möglich"-Ansicht der Blick auf das Individuum, dessen Bedürftnisse und Normalitätsempfinden fehlt. Der Charakter und das Normalitätsempfinden eines jeden Individuums werden nunmal von den Erfahrungen seines bisherigen Lebens geprägt. Man gewöhnt sich an das, was man hat und lernt es zu schätzen. Eine völlig andere Art zu leben anzunehmen, weil diese für die Spezies "natürlicher" ist, wird vom einzelnen Individuum eben nicht automatisch als "besser" empfunden. Plötzlich muss man sich mit dutzenden Artgenossen arrangieren, ist Hitze, Regen, Gebell und einer Vielzahl an Insekten ausgesetzt. Derjenige, der sich bisher um dein Wohlergehen gekümmert und jeden Wunsch und jeden Kummer von deinen Augen abgelesen hat, ist dafür plötzlich nicht mehr da. Wenn dich die neue Situation überfordert und du aus sonst welchen Gründen nicht damit klar kommst, dann hast du halt Pech gehabt. Natürliche Auslese und so. Für mich würde sich die Abgabe von Jonas und Martha an das Kaninchendorf in etwa so anfühlen, als würde ich sie aussetzen. Ich übergäbe sie in eine neue Welt voller Ungewissheit, die gleichzeit mit mehr Freiheit und Selbstbestimmung aber gleichzeitig auch mehr Gefahren und Problemen aufwartet. Und wenn sie mich ähnlich vermissen würde, wie ich sie, dann wäre es für alle Drei von uns ein schwerer Abschied. Ich sehe auch, dass die Kaninchen bei mir "Binkies" und "Flops" (kenne die deutschsprachigen Übersetzungen nicht, nachzulesen was das bedeutet hier: https://myhouserabbit.com/rabbit-behavior/binkies-nose-bonks-and-flops-bunny-behavior-explained/ ) machen. Beides Anzeichen von zufriedenen und gar glücklichen Tieren. Geändert von AIL (24.08.2020 um 14:04 Uhr).
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