| Vermenschlichung von Tieren ist in der Tat ein großes Problem!
Und genau da muss man ansetzen: mit einer Haltung die möglichst an die Gegebenheiten in der freien Natur angelehnt ist, und nur zu einem kleinen Teil darauf ausgerichtet dem Menschen zu nutzen (z. B. durch das beobachten-können).
Ich habe ein überzüchtetes Boxen-Kaninchen übernommen damals, und kann nur sagen: es ist nicht notwendig es langsam an Auslauf zu gewöhnen. Was man allerdings machen muss: man muss dem Kaninchen was bisher einen eng umgrenzten Raum gewöhnt war, Schutz vermitteln! Zum Beispiel mittels überdachter Gehegebereiche ("Büsche-Ersatz") zum Verstecken. Das hat aber - anders als möglicherweise dein TA glauben machen will - nichts mit einer Überzüchtung zu tun, sondern mit einer Verhaltensstörung.
Leider sind selbst viele Tierärzte die sich mit Nins auskennen immer noch nicht so weit, auch über das Verhalten und Verhaltensstörungen dieser Tierart Bescheid zu wissen. Das ist auch ein großes Feld, und entsprechend aufwändig. Allerdings ist es schade, dass dadurch immer wieder solche Fehlinformationen aufkommen.
Dass Hauskaninchen einen geringeren Bewegungsdrang haben als Wildkaninchen ist zum Teil richtig - und auch wieder nicht. Zum einen kommt dies auf die individuellen Charakterstrukturen an. Ich vergleiche hier einmal drei meiner Nins:
- Wuschel (Häsin, stark überzüchtet, da Teddykaninchen, Gewicht ca. 2,7 Kilo, lebenslange Gehegehaltung, sehr ruhig, wenig Bewegungsdrang)
- Leo (Kastrat, stark überzüchtet, da typische Zwergkaninchenstatur, Gewicht ca. 2 Kilo, nach entsprechendem Platzangebot und Gesundung ausgeglichen, aber mit deutlichem Bewegungsdrang)
- Jule (Häsin, Zwergkaninchen, jedoch nicht mit extremer Körperform, Gewicht ca. 2 Kilo, lebenslange Gehegehaltung, extremster Bewegungsdrang)
Leo, der es nicht gewöhnt war und überdies krank (Darmschädigung, Zahnkaninchen) und total überfettet zu mir kam, war deutlich bewegungsfreudiger als Wuschel, die immer schlank war und lebenslang nur Gehegehaltung kannte. Jule war noch extremer - ihre Haltungsbedingungen und ihr Alter waren identisch mit dem von Wuschel, jedoch war ihr Bewegungsdrang schon an der Grenze zur Hyperaktivität.
Man kann also nicht allein aus der Tatsache, dass es sich um ein Hauskaninchen handelt, sehen ob das Kaninchen einen geringeren Bewegungsdrang hat als ein Wildkaninchen. Und auch die Vorgeschichte gibt nur zufallsweise einen Hinweis.
Futterumstellungen von Trockenfutter zu gesundem Frischfutter sind ein langer Weg. Leo hat diesen Weg damals hinter sich gebracht, er kannte außer mal ab und an einer Möhre oder ein paar Halmen normales Gras rein gar kein Frischfutter.
Natürlich dauert es eine Zeit, bis ein Kaninchen ungewohntes Futter annimmt, und gerade bei Futterumstellungsversuchen bei total Trockenfutterernährten Kaninchen werden aus Unwissenheit oft Fehler begangen.
Diese Fehler liegen vor allem in folgenden Punkten:
- Es wird das falsche Frischfutter angeboten! Und zwar Gemüse. Besser, weil dem natürlichen Nahrungsspektrum eher entsprechend, sind als erste Frischfuttersorten frische Kräuter.
- Das satt machende Trockenfutter wird zu langsam reduziert! Es sollte umgehend mit gesünderen, wenig verarbeiteten Trockenkräutern "gestreckt" werden, und dann Schritt für Schritt reduziert werden.
- Die ungewohnten Frischfuttersorten werden zu kurz angeboten. Kaninchen probieren vorsichtig, ob neues unbekanntes Futter auch bekömmlich ist! Das kann ein paar Tage, in Einzelfällen auch bis zu 2 Wochen dauern. Schneller geht es zwar oft, wenn sich das Kaninchen das Fressverhalten bei Artgenossen abschauen kann. Aber das funktioniert nicht immer.
Was ist nun das Ergebnis dieser Fehler? Der wohlmeinende Halter verzweifelt, weil er nicht weiß wie das Kaninchen "denkt". Und gibt in der Folge seine Versuche auf. Und das Kaninchen frisst weiter sein dickmachendes Trockenfutter...
Hast du schon mal versucht, dir eine ungesunde Essgewohnheit abzugewöhnen? Das ist alles andere als einfach - es dauert relativ lange, und man kommt besser nicht in Versuchung. Kaninchen können dieser Versuchung nicht widerstehen, weil sie von der Natur darauf programmiert sind in Zeiten des Überflusses sich Energiereserven zuzulegen für Zeiten des Mangels. Nur - der Mangel kommt nicht, für ein Hauskaninchen ist immer Zeit des Überflusses. Das weiß aber das Kaninchen nicht, das seiner Natur folgt. Deshalb ist hier der Mensch gefragt, und muss seinerseits dafür sorgen, dass der Überfluss begrenzt wird und das richtige Futter zur Verfügung steht.
Überzüchtung gibt es, ja. Aber sie darf NIEMALS als Ausrede dafür herhalten, dass man den Aufwand scheut seinen Kaninchen ein möglichst artgerechtes Leben zu bieten. Das muss jedem klar sein der Kaninchen halten möchte. Zusätzlich hierzu ist man dann als Halter noch gefragt, mit den Folgen der Überzüchtung fertig zu werden (Zahnprobleme etc.). Grundlage jeder Kaninchenhaltung ist aber zunächst eine größtmögliche Anlehnung an natürliche Lebensweise. |