Zitat von DWFreundin
(Beitrag 751560)
Leseprobe, ich bitte um Rückmeldung und Anregungen:
Züchten?! Was ich beachten muss und wann ich es lieber lassen sollte…
Was ist züchten und was vermehren?
Ein Züchter besitzt eine oder mehrere Rasse/n mit welchen er ein bestimmtes Zuchtziel verfolgt. Üblicherweise ist das die Verbesserung bzw. Erhaltung des Typs, eine Verbesserung/Erhaltung/Veränderung der Farbe und wünschenswerterweise auch das Fördern von positiven Charaktereigenschaften.
Um dies zu erreichen braucht es viel Erfahrung, passende und gesundheitlich einwandfreie Zuchttiere, sowie Platz, Zeit und auch einiges an Geld.
Wer all dies nicht, oder nur teilweise hat, wahllos Tiere deckt, ohne Hintergedanken und eventuell nur mit dem Wunsch nach Jungtieren, der vermehrt Tiere, züchtet sie aber nicht.
Die Frage ist also, muss das sein, oder kann ich auch einem Tier aus dem Tierschutz ein neues Zuhause geben bzw. kaufe ich mir eines bei einem Züchter, der hoffentlich alle oben genannten Punkte erfüllt. Welche Voraussetzungen müssen für die Zucht gegeben sein?
Zu Beginn steht immer die Frage nach den finanziellen Mitteln. Kann ich mir wirklich leisten Jungtiere groß zu ziehen, Elterntiere zu versorgen und entsprechende Behausungen anzubieten.
Wirklich?!
Eine kleine Kostenaufstellung:
Man fängt üblicherweise mit 1.2 an. Wer sich nun entsprechend informiert hat, wird die Bedeutung dieser Zahlen erkennen ;)
Die Tiere müssen der gewünschten Rasse entsprechen, müssen gesundheitlich in Topform sein, müssen zueinander passen (Scheckenverpaarungen (Außer Holli und Platten) sind in Deutschland verboten … hier gilt wieder, wer die Bezeichnungen nicht kennt, ist nicht bereit für die Zucht) und aus anständigen Zuchten stammen.
Wir kaufen uns also drei Tiere a 50 € ein.
Kostenpunkt 150 €
Da wir die Tiere anständig halten möchten, bauen wir entsprechende Unterkünfte. Kostenpunkt ca. 500 € -> 650 €
Jetzt brauchen wir entsprechendes Futter, wir rechnen mit monatlich 50 € inklu Jungtiere
-> 700 €
Soooo … und nun bringen wir unsre Zuchttiere in Forum, impfen sie, kuren sie, entwurmen sie.
-> 800 €
Mist, der Rammler entwickelt sich nicht so wie wir uns das vorgestellt haben. Blöd gelaufen, wir brauchen einen neuen und lassen den alten kastrieren.
-> 900 €
So, wir sind also bei knapp 1000 € und können nun endlich mit der Züchterei beginnen, super !
Los geht’s….
Wir decken beide Häsinnen ein und warten… und warten… und warten. Nichts passiert. Wir decken noch einmal ein. Die Tragzeit dürfte jedem angehenden Züchter bekannt sein, denn er hat sich ja hoffentlich einen erfahrenen Mentoren gesucht und studiert fleißig Fachliteratur über Genetik und Jungtieraufzucht.
Keine der Häsinnen hat aufgenommen, wir decken noch einmal ein. Pünktlich zum Termin geht es los, die Häsinnen bauen ihre Nester und werfen.
Da sie Erstlingshäsinnen sind geht nicht alles glatt. Für die bildliche Vorstellung ein paar Beispiele
1. die Häsin trägt zu wenige Jungtiere im Bauch, die ganze Kraft geht in diese 1-2 Jungtiere und sie wachsen viel zu schnell und werden viel zu groß. Die Häsin schafft es nicht die Jungen auf die Welt zu bringen. Im besten Falle fällt uns auf, dass etwas nicht mit ihr stimmt. Wir bringen sie zum TA, ein Notkaiserschnitt wird gemacht. Die Häsin wird komplett ausgeräumt und muss danach aus der Zucht gehen. 200 € Kaiserschnittkosten und 50 € Tierwert sind dahin. Wir brauchen eine neue Häsin, wieder 50 €.
2. Die Häsin baut kein anständiges Nest. Wir kommen Morgens aus dem Haus, im ganzen Käfig liegen die Jungen verstreut, eines ist angefressen und das Gehirn quillt heraus, ein andres besteht nur noch aus Skellett. Ekelhaft, aber kommt vor. Doof… wieder eindecken, wieder warten, nochmal versuchen. Zeit verloren, unschöne Szenen erlebt.
3. Die Häsin liegt blutüberströmt (Gebärmuttervorfall) tot im Gehege, die Jungtiere im Nest. Die andre Häsin hat nicht aufgenommen und wir müssen nun versuchen die Jungtiere in mühevoller Arbeit per Hand groß zu ziehen. Erfolgsquote 20 % … Schlafmangel, leerer Geldbeutel und wieder eine neue Häsin wird gebraucht.
4. Zwei Jungtiere hat die Häsin beim Auspacken verletzt. Dem einen fehlt das Bein, dem andren beide Ohren. Sie leben.... was tun wir?
Aber gut, nur als Beispiele. Wir nehmen an alles geht gut, die beiden Häsinnen werfen, wir haben jeweils durchschnittlich 7 Jungtiere im Nest liegen und alles wächst und gedeiht.
Die Jungen verlassen das Nest, fangen an zu fressen, wollen Bewegung, müssen gekurt und entwurmt werden, brauchen Beschäftigung, denn wir wollen sie ja gut sozialisiert und zutraulich in neue Hände geben. Zeitaufwand pro Tag zwischen 2 und 4 Stunden.
Kostenpunkt ca. 100 €
Wir merken mit den Alttieren eine gute Verpaarung gemacht, es sind 3 Jungtiere dabei die uns in der Zucht weiter bringen und behalten diese. Alttiere verkaufen? Alttiere behalten? Wohin mit ihnen, was tun mit ihnen? Woher neues Blut, woher neue Tiere?
Wir müssen für den Rest unsrer Jungen neue Heime finden, inserieren sie. Wir verbringen viel Zeit damit Bilder zu machen, die neuen Halter zu informieren, Besuch zum empfangen usw.
8 – 12 Wochen später sind unsre Jungen ausgezogen, wir sind fix und alle … Ziel bestenfalls erreicht, wenn nicht neue Verpaarungen fürs nächste Jahr vornehmen, Alttiere wieder impfen usw.
Fazit:
Dir sagt 1.2 nichts? Du kennst die Trächtigkeitsdauer von Kaninchen nicht? Du besitzt nicht mindestens ein Buch über Genetik bei Kaninchen, Artgerechte Haltung und Fütterung, Jungtieraufzucht? Du weißt nicht was Plattenschecken sind? Du hast keinen Mentoren, der dich anleitet? Du hast kein Zuchtziel und kennst die Trägereigenschaften deiner Tiere nicht? Usw usw.
Dann bist du noch sehr weit davon entfernt ein Züchter zu sein. Jede Verpaarung, jeder Wurf den du bekommst ist vermehren von Tieren und kann mitunter durch fehlendes Wissen fatale Auswirkungen haben.
Niemand sagt etwas gegen verantwortungsvolle Zucht, aber das reine Vermehren von Tieren ohne Sinn und Verstand wird hier nicht unterstützt.
Lg, DWFreundin |