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(M)eine GeschichteDie Wahrheit... Meine Geschichte Hallo, mein Name ist Keks. Ursprünglich hieß ich mal Hoppel. Danach Fleck. Und jetzt Keks. Ich werde gemeinhin als „Hase“ bezeichnet, doch ich bin ein Kaninchen. Ein richtiges Kaninchen. Nicht halb-halb. Wenn ich ein Hase wäre, würdet ihr es entweder sehen, weil ich nicht so niedlich aussehen würde oder ihr würdet mich gar nicht sehen, weil ich in freier Wildbahn lebte. Behaltet das bitte im Hinterkopf. Wie auch immer, ich bin also ein Kaninchen namens Keks und komme aus einer Familie, die wie Hasen behandelt wurde. Wie (Wild-)Tiere, die man hielt, um sie zu schlachten. Es ist zwar grausam, aber daran ändern kann niemand etwas, schließlich muss man eben essen, um zu leben, aber muss man denn uns Tiere so halten, als wolle man uns die wenige Zeit, die uns sowieso nur auf Erden gegeben ist so schlimm und grausam wie möglich machen? Ich bin also geboren bei meiner Mutter, einer Kaninchendame, die als Hasenweibchen gehalten wurde, und mit vier anderen Geschwistern in einem kleinen Holzkasten. Meine ganze Welt bis dahin bestand nur aus diesem einen Holzkasten und dem Tunnelblick nach draußen durch das Gitternetz hindurch. Anfangs war ich noch blind und schlief hauptsächlich mit meinen Geschwistern bei meiner Mutter, doch schon nach kurzer Zeit wurden wir etwas größer, konnten sehen und spielten zusammen. Ich erinnere mich noch genau an diese Zeit. Sie war so kurz, denn gerade als ich mit meiner schwarz-weißen Schwester Hexe kuschelte, kam ein großes hellbraunes Tier vorbei, das ich zwar schon öfter gesehen, aber nie beachtet hatte und nahm mich weg von meinen Geschwistern und meiner Mutter. Sie schlug nach dem Arm, der sich ihr entgegen streckte, doch sie war machtlos und ich war zu klein um zu begreifen, was da geschah. Ich wurde in einen kleinen Karton gesteckt und der Deckel wurde zugemacht. Das war das letzte Mal, dass ich meine Familie sah. Ich wurde getragen, doch alles war dunkel und der Boden des Kartons war kalt und hart. Ich war so alleine und hatte solche Angst, dass ich den Boden nässte, doch das war ein schlimmer Fehler, denn dort, wo mein Karton stand bewegte es sich und meine Komplette Unterseite wurde nass. Wenn ich hätte weinen können, hätte ich geweint, doch so saß ich einsam und alleine hier und wartete ab, was als nächstes geschah. Irgendwann kam ich dann an und der Deckel hob sich. Ein etwas kleineres Exemplar der nackten Zweibeiner bückte sich über den Karton und streckte die Arme aus. Ich hatte solche Angst, dass es mir wehtun wollte, dass ich mich in die hinterste Ecke meines Kartons und auf den Boden drückte, in der Hoffnung, dass es mich nicht sah. Doch es sah mich und krallte seine unbarmherzigen Finger fest, wie einen Schraubstock, um meinen Bauch, sodass mir die Luft wegblieb und ich so in Panik geriet, dass ich mit den Hinterbeinen um mich schlug. Sofort ließ mich der Zweibeiner los und ich fiel zu Boden. Die Landung war schmerzhaft, doch ich hatte in dem Moment nur eines im Sinn: wegrennen, ohne Rücksicht auf Verluste. Also rannte ich und versteckte mich unter der nächstbesten Kiste. Sie war groß und der Spalt darunter war gerade groß genug, damit ich hinunter passte. Schließlich war ich gerade einmal vier Wochen alt. Ich saß dort lange, doch irgendwann verschob sich die riesige Kiste über mir und etwas krallte mich von oben. „Ein Greifvogel!“, dachte ich sofort und zappelte wie verrückt. Gleich sterbe ich, dachte ich und versuchte die Klaue möglichst stark mit meinen teilweise schon scharfen Krallen zu kratzen, doch diesmal ließ er mich nicht los. Ich wurde zu einem Käfig getragen und dort heruntergelassen. Als ich gerade den Boden berührte fuhr mir ein Schlag auf den Rücken, als wäre dort ein Stein draufgefallen – später stellte sich heraus, dass der kleine Zweibeiner mich gehauen hatte, weil ich ihn gekratzt hatte. Doch im ersten Moment war es mir egal, wo ich war oder was passiert war und versteckte mich in einem Gebilde, das einer umgedrehten Futterschüssel aus Holz mit einem Loch an der Vorderseite ähnelte. Ich nannte es Haus und verschanzte mich darin. Eine kurze Zeit lang ließen sie mich in Frieden und ich wünschte mir meine Geschwistern und Mutter herbei. „Wir sehen ihn ja gar nicht, komm, hilf ihm auf die Sprünge!“, hörte ich jemanden reden. Und sofort kam der Zweibeiner wieder, hob mein Haus hoch und ich fühlte mich wieder ungeschützt, also rannte ich fort. Leider ging das nicht, denn erst jetzt bemerkte ich, dass ich gefangen war, gefangen in einem Käfig, der so klein war, dass ich nur zwei-mal Hoppeln konnte und schon war ich am anderen Ende. „Oh, sieh mal, er erkundet sein neues Zuhause!“, erklang dieselbe Stimme. „Wie willst du ihn nennen?“ „Hoppel!“, antwortete der kleine Zweibeiner. Und so kam ich zu meinem ersten Namen. In den folgenden Tagen ging es mir immer schlechter. Ich fühlte mich miserabel und krank, aber vor allem war ich einsam, ich war noch nie so lange alleine gewesen. Die Zweibeiner kamen manchmal und stellten eine Futterschüssel vor mich, doch ich wollte – konnte – das Zeug einfach nicht essen. Schließlich als ich schon fast zu schwach war, um mich auf den Beinen zu halten, fuhren sie mit mir zu Tierarzt. Als erstes dachte ich, ich dürfte wieder heim, doch dem war nicht so. Bei dem Tierarzt war ich in meiner kleinen Kiste und hatte Schlitze zum rausgucken. Ich sah noch andere Tiere, aber vor allem die Katze neben mir jagte mir gehörig Angst ein. Als wir dran kamen krallte der große Tierarzt sein Finger wieder so fest um meinen Bauch, dass ich keine Luft mehr bekam und als ich zappelte ließ er mich auf den harten Tisch fallen. Inzwischen hatte ich so wenig Kraft mehr, dass ich einfach halb auf der Seite liegen blieb. „Ach, herrje, was haben sie denn mit dem gemacht?“, fragte der Tierarzt. „Wir haben ihn erst seit ein paar Tagen und jetzt geht es ihm schlecht.“ Der kleine Zweibeiner beugte sich über mich und strich mir mit der ganzen Hand grob über den Rücken. Doch ich hatte keine Kraft mehr mich zu wehren. Und als dann auch noch die große Hand des Tierarztes kam, dachte ich mein letztes Stündlein hätte geschlagen. Er drehte mich auf den Rücken, zog an den Beinen, tastete meinen Bauch ab und schaute mir in den Mund. „Tja, so wie das aussieht, gibt es nichts, warum euer Hase (ich bin kein HASE!) so krank sein sollte. Leider denke ich, dass er Schmerzen hat. Sollen wir ihm Schmerzmittel geben oder ihn gleich... naja, sie wissen schon?“ „Was? Aber wir haben ihn doch erst so kurz!“ Also kaufte der große Zweibeiner Schmerzmittel und wir gingen nach Hause. Als wir dort ankamen, ließen sie mich aber nicht aus der Box, sondern luden mich gleich wieder ein. Als ob es mir in diesem Moment noch irgendetwas ausgemacht hätte... Wir fuhren zu einem anderen Tierarzt, der machte das gleich, aber doch anders. Er tastete ganz sanft ab, nicht so grob, wie der andere. Schaute mein Zähne an, tastete ohne meinen Bauch zu zerquetschen und fragte die Zweibeiner, ob ihnen sonst noch etwas aufgefallen sei. Doch als er fertig war, sagte er nicht ich müsse sterben, sondern: „Ich glaube, sie haben da einen großen Fehler begangen, Frau Jahn. Sie sagten, Hoppel sei vier Wochen alt? Also ich möchte nur sagen, dass Kaninchen mit vier Wochen gerade erst der Muttermilch entwöhnt werden. Manche etwas früher, andere später. Hier haben sie ein Kaninchen, das eindeutig noch Muttermilch gebraucht hätte.“ Schockierte Gesichter – wie man nur so hinterhältig sein kann? „Wir haben hier Cimi-Lac, das ist besonders gut für Kaninchenwelpen. Wir probieren gleich mal aus, wie viel er trinken will. Es ist doch ein er, oder?“ „Wir wissen es nicht genau.“ „Hm, ok dann mal los“, sagte er und hielt mir die Spritze mit Aufzuchtsmilch ans Maul. Zuerst wollte ich nicht, doch dann bekam ich solchen Hunger und stürzte die lauwarme Milch herunter. Einmal verschluckte ich mich, aber ich trank sofort weiter. Schließlich, als ich satt war, schlief ich einfach ein. Ich wachte erst in meinem Käfig wieder auf, umgeben von kalter Streu. Ganz allein. Ich bekam seitdem für etwa drei Wochen jeden Tag zweimal Milch von den Zweibeinern und fühlte mich langsam wieder besser. Als ich acht Wochen alt war setzten sie meine Milch langsam ab. Irgendwann hörte ich den großen Zweibeiner sagen: „Ich bin nur so froh, dass wir dich nicht eingeschläfert haben. Du bist jetzt ganz schön groß geworden, du.“ Sie strich mir über den Rücken und ich drückte mich auf den Boden. Nach weiteren zwei Wochen, sollte ich noch viel mehr wachsen. Schon damals war ich größer, als die Zweibeiner geglaubt – und gewollt – hatten, dass ich werde. Schließlich, als ich in meinem Käfig nicht mal mehr ein einziges Mal hoppeln konnte und langsam fett wurde vor Bewegungsmangel, entschieden sich die beiden Zweibeiner mich loszuwerden. Hoppel adieu, hallo, Fleck. Ich kam zu Menschen (ich hatte sie so genannt), die schon einen Käfig hatten und bei denen wohl gerade erst das (einzeln gehaltene) Kaninchen (frühzeitig) gestorben war. Was für eine Überraschung. Ich wurde in den etwas größeren Käfig gesetzt ihn dem nur spärlich Streu war, das noch dazu sehr stark staubte. Es gab einen kleinen Karton, der wohl ein Haus sein sollte, doch ich passte nicht durch die Öffnung, also „erweiterte“ ich sie. Ich verschob das Haus und drehte es aus Versehen um. Als dann der neue Mensch kam, öffnete sich die Gittertür über mir und er stellte das Haus wieder auf, in dem ich gleich darauf wieder verschwand. „Mein Gott, ist der groß und fett!“, meinte er und ging. In diesem Käfig konnte ich mich herumdrehen und sogar zweimal Hoppeln. Daraus bestand meine Welt, einem winzigen Raum, in dem ich zwei Schritte gehen konnte. Keinem Tier sollte so etwas zugemutet werden. Auch keinem „Stall-hasen“, der erstens keiner war und die es zweitens gar nicht gibt. Was konnte ich denn dafür, dass ich größer wurde als andere Kaninchen? Diese Zeit in dem Käfig war die schlimmste Zeit meines Lebens. Die verstaubte Streu reizte unablässig meinen Mund- und Rachenraum und meine Nase entzündete sich, weil ich sie aufrieb. Doch niemand merkte es. Ich war durchgehend alleine. Nur einmal am Tag kam ein Mensch herein und schmiss mir ungesundes Trockenfutter hin, dass alt schmeckte und von dem ich noch fetter wurde. Aber das schlimmste war die Einsamkeit. Ich saß 24 Stunden am Tag in diesem leeren Raum in meinem Käfig. Hörte nichts. Es gab nichts zu sehen und vegetierte als nur noch halb-lebendiges Kaninchen vor mich hin. Das einzige was ich mich bewegte – bewegen musste – war der Weg meines Kopfes zum Futter und wieder zurück. Der Mensch besuchte mich nicht. Zeigte keine Nähe und mistete mich so selten aus, dass meine sowieso schon gereizte Nase nun fast endgültig den Geist aufgab und ich den Willen zum Leben verlor. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche saß ich in der immer gleichen Haltung, im immer gleichen Käfig, im immer gleichen Raum, in dem nie etwas passierte. Menschen würden es Depressionen nennen, weinen. Doch ich konnte nicht weinen, kein Kaninchen kann weinen und zu dieser Zeit wünschte ich mir ich könnte einfach sterben. Gott sei dank. Diese Zeit ging vorbei. Nach etwa einem Jahr, kam eine Frau vorbei und nahm mich mit. In dem Auto, in dem sie mich mitnahm waren noch andere Tiere in vier andere Boxen. Aus ihnen drangen seltsame Geräusche. Ein herzzerreißendes miauen, ein winseln und ein quieken im der Kiste neben mir. Ich fragte mich, wer diese Frau war, doch ich bekam nie eine Antwort darauf. Sie war der erste Mensch zu dem ich wieder Kontakt hatte, der mit mir sprach und mich streichelte. Sie nahm mich zu ihr und ich bekam ein großes Gehege, eines mit fünf Quadratmeter Bodenfläche im Garten. Niemand kann sich vorstellen, wie schön es war in diesem Garten zu sein. Das Leben um einen herum zu spüren und einfach Teil der Natur zu sein. Ich hatte drei Häuser, zwei Etagen, zwei Futter- und Wassernäpfe, eine Kiste voller Sand und diverse Äste, Heuhaufen und Plateaus zum draufspringen. Es war das Paradies, doch eine Sache fehlte und bedrückte alles. Lies das Heu grau wirken, machte aus Sand Matsch und lies die frischen Möhren ranzig schmecken. Ich war wieder alleine. Inzwischen hieß ich Keks und war immer noch unendlich traurig. Die Frau verbrachte jeden Tag mehrere Stunden mit mir und ich fasste immer mehr Vertrauen zu ihr. Das erste Mal überhaupt, dass ich Vertrauen zu einem Menschen aufbaute und nach einem Monat etwa, merkte sie auch, dass selbst sie nichts gegen die melancholische Einsamkeit tun konnte, die mein Innerstes zerfraß. Eines Tages kam die Frau dann mit eine Kiste, einer mir sehr bekannten Kiste und von innen kamen leise Mahlgeräusche. Ich war sofort hellwach und aufmerksam, wer da wohl kommen würde, aber es kam keiner aus der Kiste, sondern die Frau nahm mich mit. Nicht weit, nur in ihre Wohnung. Im Badezimmer ließ sie mich laufen und öffnete die Kiste. Ein Kopf erschien am Rand. Der wunderschönste Kaninchenkopf, den ich jemals in meinem gesamten Leben gesehen hatte. Sie hieß Cupcake, was zu meinem Keks passte und wir waren sofort wie Pech und Schwefel. Wir hoppelten den ganzen Tag, sogar nachts. Es war so wundervoll einfach mal die Freiheit zu haben, sich zu bewegen und mit jemandem herum zu tollen, wann und wie lange man möchte. Nach all den Strapazen und Grauen meines bisherigen Lebens, war ich endlich glücklich geworden. Ich hatte mein Zuhause gefunden! Geändert von Ernie & Berta (21.01.2013 um 18:39 Uhr).
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